Wir mussten früh raus für unseren Flug nach Ciudad de Mexico, kurz CDMX. Der wuselige Hauptstadtflughafen hatte uns erstaunlich schnell samt Gepäck wieder ausgespuckt und schon saßen wir im Taxi nach Roma Norte. In diesem trendigen Bezirk hatten wir ein schönes, kleines Apartment für die nächsten Tage. Gegen das angenehm warme Klima Yucatans war Mexico City ein Temperaturschock: Am morgen unter 10°, fast wie zuhause! Wir hatten einen der kälteren Tage erwischt. Der winzige Heizlüfter in unserer Wohnung stand vor einer riesigen Aufgabe.
Es hat uns nicht lange drinnen gehalten, wir wollten die Umgebung erkunden. Roma Norte hat uns mit seinen charmant gealterten Stadthäusern und lebendigen Straßen direkt an Porto erinnert. Viele Straßen sind von hohen Bäumen gesäumt, die an heißeren Tagen sicher willkommenen Schatten spenden. In dem Viertel sind unglaublich viele schöne Läden, von Second-Hand-Boutiquen über Sterne-Restaurants, nachhaltigen Deko-Läden, regionalen Lebensmitteln zu alt eingesessenen Taco-Shops.
Die internationale Hipster-Crowd trifft sich mit ihren zahlreichen Hunden beim nächsten stylischen Cafe. Denn hier hat jeder einen Hund. Hunde-Sitter liefen mit einem ganzen Rudel herum und die Hunde-Narren hatten ihre Lieblinge im Restaurant auf dem Schoß und teilten sich mit ihnen das Essen (leider keine Übertreibung). Hundehasser erkennt man daran, dass sie nur einen Hund haben. Beim Flanieren sollte man besser ein Auge auf dem Trottoir lassen.
Wir haben ziemlich lange bei einem berühmten Taco-Restaurant angestanden, um unsere tägliche Dosis zu bekommen. Gleich drei dicke Trompos mit unterschiedlich mariniertem Fleisch brutzelten in der kleinen, offenen Küche. Tacos kommen meistens mit einem ganzen Sortiment an Toppings wie Chili-Soßen, Guacamole, Limetten oder Zwiebeln. Das gibt die nötige Frische. Die Speisekarten waren etwas verwirrend, weil es es zig verschiedene Namen für Gerichte gibt, die ein Laie alle als Taco bezeichnen würde. Aber man kann eigentlich nichts falsch machen, lecker sind sie alle.
Am Abend haben wir uns zu einer sehr wichtigen kulturellen Veranstaltung in die Arena Mexico begeben: Lucha Libre, die mexikanisch-karnevalistische Version von Wrestling. Schon draußen auf der Straße konnte man an vollgepackten Ständen Masken kaufen. Denn die Luchadores (Kämpfer) beim Lucha Libre sind normalerweise maskiert und maskiert lässt es sich auch im Publikum besser mitfiebern. Unter großem Applaus tänzelte der erste Luchador mit Maske, Umhang und buntem Kostüm in den Ring. Es kämpfen meistens vier gegen vier, teilweise ist der Ring noch voller. Die wild aussehenden Helden ziehen eine verrückte, akrobatische Show ab. Sie springen von den Ring-Seilen auf Kontrahenten, die sich gerade auf dem Boden winden, oder einer schleudert den anderen an den Füßen aus dem Ring. Man versteht wirklich nicht, wie sie das heil überstehen. Das Publikum johlt und fiebert kräftig mit obwohl alles Show ist und die Sieger schon feststehen. Denn nach vielen Runden gewinnen eigentlich immer die guten Charaktere (Tecnicos) mit ihren sauberen Tricks gegen die bösen (Rudos), die es mit unfairen Mitteln versuchen und die armen guten Helden noch am Boden liegend mit Tritten malträtieren. Das Publikum pfeift und buht dann wie wild, bis die Guten sich berappeln und das Ruder in letzter Sekunde mit einem spektakulären Angriff herumreißen. Die ganze Sache ist wirklich völlig irre.
31/12/2025
Am Silvestertag haben wir uns in Ruhe durch unser Viertel Roma Norte und am beeindruckend angelegten Paseo de la Reforma entlang treiben lassen. Leider haben wir es trotz vieler Versuche nicht geschafft, die dämliche App für die Leihfahrräder zu aktivieren. Daher mussten wir laufen und feststellen, dass dieser Boulevard wirklich richtig lang ist. Auch der angrenzende Parque de Chapultepec ist recht weitläufig, beherbergt aber einige Museen. Wegen Silvester hatten die aber leider früher geschlossen. Ab Mittag wurden auch die Temperaturen immer angenehmer, so dass wir den Spaziergang durch den Park genießen konnten.
Im angrenzenden Viertel Polanco gibt es eine Luxusstraße, wo man ganz gut mit seinem Ferrari durchbrettern kann, wenn man fürs Wochenende noch schnell was Hübsches von Dior braucht. Es gibt auch einige schicke Shopping Malls, aber wer braucht das im Urlaub? Interessanter sind zwei berühmte Museen in der Gegend. Das Museo Soumaya ist in einem beeindruckenden Gebäude untergebracht, dessen Fassade aus Tausenden glänzenden Sechsecken den amorphen Klotz bedeckt. Direkt gegenüber steht das Museo Jumex, das außen unaufregend dafür innen interessanter ist. Beide sind von sehr reichen Industriellen gestiftet. Leider waren auch beide schon zu als wir kamen.
Den Abend haben wir im kleinen Restaurante Pargot verbracht und das Jahr mit einem köstlichen Essen ausklingen lassen. Die Kellner waren zwar in Vorfreude auf den Jahreswechsel schon frühzeitig in fragwürdiger Verfassung, aber der Koch war offensichtlich ganz bei der Sache. Denn die gehackten Muscheln mit Melonensorbet und einer milden Chilisoße waren unglaublich köstlich.
Wir hatten uns etwas zu viel Zeit beim Schlemmen gelassen. Deshalb hat uns der Jahreswechsel eilend auf einer einsamen Straße auf dem Weg zum Angel de la Independencia erwischt. Am Fuß der Säule mit dem goldenen Engel war alles für eine riesige Silvesterparty abgesperrt. Weil an die 200.000 Menschen erwartet wurden, gab es aus Sicherheitsgründen kein Feuerwerk - smart, diese Mexikaner. Stattdessen gab es eine ziemlich irre Techno-Party. Auf Podesten tanzten Drag-Queens und die Musikerin ist gegen Ende derart an ihren Geräten ausgerastet, dass sie hoffentlich schnell wieder in ihre Anstalt gebracht wurde. Feliz Ano Nuevo!
01/01/2026
Das Neue Jahr haben wir natürlich mit extra langem Ausschlafen begonnen. Das haben wahrscheinlich alle gemacht, denn es war gar nicht so einfach in der Gegend ein Cafe zu finden, das offen hatte. Mit leckeren Chilaquiles hat uns das sympathische Cafe EMMA gut in den Tag geschickt.
Wir sind die Altstadt gefahren, um einige Sehenswürdigkeiten nachzuholen. Der riesige Zocalo war ziemlich zugebaut, da es dort auch eine große Silvester-Veranstaltung gab. Auf einer Seite liegt die gewaltige Kathedrale, auf der anderen der prächtige Regierungssitz im Palacio Nacional. Letzterer war leider wegen Neujahr geschlossen, so dass wir die berühmten Wandgemälde im Treppenhaus nicht sehen konnten. Daneben liegt der Templo Mayor, die Ruinen des zentralen Palasts des Aztekenreichs. Die Ruinen selbst sind nicht viel spannender als die römischen Ruinen im Parkhaus am Kölner Dom. Aber es unterstreicht die Bedeutung dieses Orts als traditionelles Machtzentrum Mexikos, wo Azteken, Kirche und Staat denselben Ort beanspruchen. Vom alten Palast ist so wenig übrig, weil aus dessen Steinen die Kathedrale gebaut wurde.
Vom Zocalo führt eine in die Jahre gekommene Einkaufsstraße zum Torre Latinoamericana, ein ikonisches aber ziemlich räudiges altes Hochhaus - immerhin hat es eine große Uhr. Der benachbarte Palacio des Bellas Artes hingegen ist ein toller Prachtbau in einem Mix aus Jugendstil, Neoklassik und Art Deco, der es mit der Pariser Oper aufnehmen kann.
Zurück in Roma haben wir uns in einem genialen Taco-Laden bis auf die Knochen einräuchern lassen. Aber das war es wert.
02/01/2026
Für diesen Tagestrip mussten wir richtig fies früh aufstehen. Der Wecker ging um 3:30 Uhr, weil wir noch mitten in der Nacht beim Treffpunkt am Reforma sein mussten. Der Uber-Fahrer wusste schon Bescheid: Wer um die Uhrzeit zum Angel fährt, der will nach Teotihuacan. Ein bis zwei Stunden Fahrt vom Zentrum entfernt liegt eine große und sehr alte Pyramiden-Stadt. Für das ungeschulte Auge sieht das nach Maya aus. Aber die waren nicht so weit nördlich. Außerdem ist die Stadt älter als die großen Maya-Städte in Yucatan. Die Azteken kamen auch erst hunderte Jahre später und haben nur die Ruinen vorgefunden.
Wir kamen noch später, und zwar durch die Luft. Aus irgendeinem Grund hat sich das kleine Örtchen San Marco nebenan zu einem Ballonfahrt-Zentrum entwickelt. Jeden Morgen starten hunderte Heißluftballons und fliegen über den Pyramiden in den Sonnenaufgang. Dabei sind die anderen Ballons das eigentliche Spektakel. Überall auf den Feldern richteten sich langsam die großen Ballons auf und leuchteten von den Feuerstößen bunt auf. Wie knubbelige Pilzfamilien drängten sie sich aneinander bis sie einer nach dem anderen sanft abhoben und sich am Himmel verteilten. Wetter und Windrichtung haben perfekt gepasst und wir haben in einer halben Stunde eine halbe Million Fotos geschossen. Aus der Luft hätte man in der Ferne eigentlich Mexico City sehen müssen, aber das blieb hinter einem gelblichen Smog-Schleier verborgen. Das war ein ganz anderes Erlebnis als im Moon Valley in Namibia, wo wir vor Jahren schon mal einen einsamen Flug über der Wüste gemacht haben, aber auch wirklich toll.
Leider mussten wir als Teil der Tour noch einen Besuch in einem Laden über uns ergehen lassen, der aus schönen Steinen sehr hässliche Dekoration herstellte. Aber dann wurden wir endlich im Archäologischen Park abgesetzt und wir konnten die Pyramiden auch zu Fuß besichtigen. Die Anlage ist entlang einer langen Achse gebaut, die wie ein Boulevard wirkt. Vor Kopf steht die große Mondpyramide, von der aus wir auf die noch größere Sonnenpyramide gucken konnten. Letztere ist wirklich ein massives Bauwerk, das vor allem durch Größe und Symmetrie beeindruckt.
Am Nachmittag wurden wir in der Stadt wieder ausgespuckt. Dank des langen Rückwegs durch den Stau hatten wir uns genug erholt, um das Museo Jumex in Polanco erneut in Angriff zu nehmen, da es endlich wieder geöffnet hatte. Das hat sich extrem gelohnt, denn die große Ausstellung von Gabriel de la Mora war fantastisch. Der Künstler ist ein Graf Zahl mit Pinzette. Er macht große Bilder aus zerkleinerten Eierschalen, Schmetterlingsflügeln oder Glassplittern, jeweils mit exakter Mengenangabe - genau die richtige Mischung aus Ästhetik und Wahnsinn.
Den Abend haben wir im schönen Viertel Condesa verbracht. Das ist etwas gediegener als Roma, auch wenn es genauso lebendig und ähnlich patiniert ist. Die wunderbare Avenida Amsterdam ist eine ovale Ringstraße, die mit einer Fußgänger-Allee in der Mitte um den Parque Mexico verläuft. Vor hundert Jahren war das mal eine Pferderennbahn, daher die ungewöhnliche Form. Heute ist es ein tolles Wohnviertel mit vielen Cafes und Restaurants. Im Restaurant Plonk haben wir mit einem köstlichen Abendessen Abschied von CDMX genommen.