Mexiko
Wir wollten schon seit Jahren mal nach Mexiko, aber irgendwie haben sich andere Ziele immer wieder vorgedrängelt. Jetzt ist es endlich soweit - jeden Tag Tacos!
Wir wollten schon seit Jahren mal nach Mexiko, aber irgendwie haben sich andere Ziele immer wieder vorgedrängelt. Jetzt ist es endlich soweit - jeden Tag Tacos!
Man soll in Mexiko ja nachts besser nicht Autofahren, heißt es überall. Aber wir hatten unseren Mietwagenschlüssel genau mit Einbruch der Dunkelheit bekommen und somit keine Wahl. Die zwei Stunden Fahrt von Cancun nach Tulum waren anstrengend und langweilig. Die Straße war schlecht, viel Verkehr, wenig Gefühl für Fernlicht und nichts zu sehen außer den überdimensionierten Einfahrten von irgendwelchen Hotelanlagen.
Unser Hotel Pocna lag am nördlichen Strand von Tulum, der zu einem Nationalpark gehört. Außerhalb der Öffnungszeiten wird das Tor von der Polizei kontrolliert, die sich auf dem Handy unsere Hotelbuchung hat zeigen lassen. Danach konnten wir auf einer hübschen, dezent beleuchteten Straße durch einen grünen Baumtunnel bis zu unserem Hotel fahren. Unser Zimmer lag in einem sehr schön angelegten Palmengarten - es über den labyrinthartigen Weg wiederzufinden erforderte einige Anläufe. Nach dem langen Trip sind wir ins Bett gefallen ohne einen Gedanken ans Meer zu verschwenden, das nur ein paar Meter hinter dem Dickicht sein musste.
Am nächsten Morgen mussten wir uns an die Fersen von anderen Gästen heften, um den Weg durch den Garten zum Strandrestaurant zu finden, wo wir (genau wie geplant) den ersten Tag in Mexiko mit Tacos beginnen konnten.
Der Strand von Tulum ist irrsinnig schön: Weißer Strand flankiert von üppigem Grün, hellblaues Meer (nicht zu kalt), herrlicher Sonnenschein (nicht zu heiß), eine frische Brise (nicht zu stark), kleine Wellen zum Planschen und … Pelikane! Natürlich ist es kein einsamer Strand - aber jeder, der schon mal an einem wirklich einsamen Strand war, weiß zu schätzen, wenn man zwischendrin einen frischen Saft und Ceviche ordern kann, ohne es selbst mitbringen zu müssen. Es war nicht übertrieben voll und insgesamt sehr friedlich. Viel mehr als das zu genießen und mit ein paar Nickerchen in dieser Zeitzone anzukommen, hatten wir uns für den ersten Tag nicht vorgenommen.
Am Nachmittag sind wir losgefahren und haben das „echte“ Tulum kennengelernt. Die Straße am südlich gelegenen Tulum Beach ist eine lange Kette von Bars, Kneipen und Restaurants. Autos schieben sich im Stau hindurch, jede Menge Touristen sind unterwegs und aus den Läden kommt laute Musik. Die Straße erinnert an die Ecken von Bali und Thailand, die „früher“ mal schön waren und heute den Partytouristen gehören. Wir waren sehr zufrieden mit unserer Wahl, im Nationalpark zu wohnen. Die paar Besonderheiten dort (extra Gebühren, keine Läden zum Einkaufen, Plastikflaschen verboten usw.) machten es regelrecht paradiesisch. Bei uns war es ruhig und wunderschön.
Der eigentliche Ort Tulum liegt ein paar Kilometer von der Küste entfernt im Inland. Er erinnert an eine heruntergekommene amerikanische Kleinstadt mit breiten Straßen und flachen Häusern. Die Außenbezirke sind voll von gigantischen Supermärkten und Tankstellen. An der belebten aber tristen Hauptstraße gibt es Ramschläden und fliegende Händler. Ein paar Blocks haben sich zu einem Ausgehviertel entwickelt, wo es einige nett gemachte Restaurants und Bars gibt. Die meisten Gäste waren aber Touristen. Ein paar Blocks weiter wird es mexikanischer. Auf einem kleinen Parque Principial werden unter ohrenbetäubendem Vogelgeschnatter Zuckerwatte und Früchte verkauft. Gleich zwei Krippen standen auf dem Platz - eine sogar mit Elefanten! Dahinter wurde eine Sammlung aufblasbarer Weihnachtsobjekte wie Zuckerstangen, Schnee- und Weihnachtsmänner und Geschenkpakete für die Stimmung aufgestellt. In den anschließenden Straßen gab es einen Frisör neben dem anderen und Geschäfte für billige Schuhe. Spätestens beim Internet-Café ist man in einer anderen Zeit angekommen.
Wir haben spontan im Negro Huitlacoxe gegessen. Das beliebte Restaurant hatte für uns die ersten Gerichte jenseits der uns bekannten mexikanischen Küche zu bieten. Zu gegrilltem Mais, der in Streifen vom Kolben geschnitten war, gab es einen pechschwarzen, aromatischen Dip und Parmesan mit einer irrsinnig scharfen Habanero-Soße. Die Tacos mit schwarzen Huitlacoxe-Pilzen und Birra Quesadillas boten uns ganz neue Geschmäcker - mit europäischem Aroma-Vokabular kommt man hier beim Schmecken nicht weit.
In unserem Nationalpark (Jaguar Park) lagen auch die Maya-Ruinen von Tulum. Wir sind früh aufgebrochen und die zwei Kilometer zum Archäologischen Park zu Fuß gegangen. Mit dem Auto darf man so weit nicht fahren, daher müssen Besucher von Außerhalb auf den Bus warten. Wir hatten so einen Vorsprung und waren tatsächlich die ersten in der Anlage. Die meisten Gebäude sind nur noch Mauern oder Grundgrisse. Es gibt auch keine großen Pyramiden wie an anderen Orten. Das Besondere an Tulum ist, dass die Ruinen sehr pittoresk an den Klippen direkt über dem Meer stehen. Die Besichtigung dauerte nicht sehr lang. Aber wir hatten tolle Ausblicke und einen schönen Spaziergang. Den Rückweg zum Hotel haben wir über den Strand genommen.
Wenn man den Tag mit einer Vor-Frühstücks-Aktivität gestartet hat, gammelt es sich umso besser. Reuelos konnten wir in der Sonne liegen und den herrlichen Strand genießen.
Ein Regenguss hatte uns am Nachmittag vom Strand vertrieben und zu einem Stadtspaziergang verleitet. Dort sind wir in einen viel schlimmeren Regenguss gekommen und haben mit vielen Einheimischen eine Weile unter einem trockenen Vorsprung ausgeharrt. Beim Abendessen im etwas außerorts gelegenen Cetli konnten wir noch mehr der mexikanischen Küche entdecken. Die gefüllte Poblano-Chili ist nicht scharf, sondern eher wie eine dünne Paprika. Die Soße und Fleischfüllung war aufregend gewürzt mit Pflaumen, Rosinen, Granatapfelkernen in einer dicken Mandel-Sherry Soße. Enchiladas kamen in einer köstlichen Sesam-Soße. Das hat mit dem Essen, das wir von Mexikanern in Deutschland kennen, nicht mehr viel zu tun - spannend!
Die Yucatan-Halbinsel ist unter anderem für die Cenotes bekannt. Das sind Löcher im Land, die zu ausgedehnten unterirdischen Höhlensystemen gehören, und meistens mit Grundwasser geflutet sind. Viele davon - wie die Gran Cenote nördlich von Tulum - sind zu kleinen Freibädern umgebaut worden. Wir waren wieder extra früh da - nur um Sekunden von einer japanischen Familie geschlagen, die bestens vorbereitet in Neoprenanzügen vor uns auf dem Parkplatz auftauchte. Das Wasser war glasklar und das Schnorcheln fühlte sich an als würde man mit einer japanischen Reisegruppe durch eine Höhle mit Stalagmiten und Stalaktiten schweben. Etwas später, mit den ersten Sonnenstrahlen fing die Cenote an zu strahlen und zu schimmern - eine lohnenswerte Vor-Frühstücks-Aktivität!
Leider wurde es schon Zeit unser schönes Zimmer im Palmengarten zu räumen. Nach dem Frühstück konnten wir aber noch eine Weile den Strand von Tulum genießen und den Pelikanen bei ihrer Patrouille zusehen.
Wir konnten uns kaum vom schönen Strand in Tulum trennen. Aber die Lagune von Bacalar rief schon. Die Fahrt dauerte keine zwei Stunden und bei Licht fuhr es sich etwas angenehmer. Die Straße war in Ordnung, und wir haben schnell die Sitte (schätzen) gelernt halb auf dem Seitenstreifen zu fahren - das macht das Überholen leichter.
Zu unserer Unterkunft Villas Ecotucan ging es vom Highway auf eine löchrige Sandpiste ab, die einen Kilometer durch einen dichten Wald führte. Das Hotel ist in einen tollen tropischen Garten gebaut und unser Bungalow war geräumig und schön eingerichtet. Hinterm Haupthaus führt ein mückenverseuchter Weg runter zum Ufer der Lagune. Der Blick vom Steg war wunderbar. In der frühabendlichen Dämmerung konnten zwar nicht alle der angeblich sieben Farben der Laguna de Bacalar sehen, aber das schimmernde Blau hat uns vollauf genügt. Rings um die lange Lagune ist üppiger grüner Wald, aus dem auf der Westseite in regelmäßigem Abstand kleine Stege mit Liegen oder Hängematten ins Wasser reichen.
Wir hatten atemberaubende Bilder der Rapidos de Bacalar (mit allen sieben Farben) gesehen. In diesem kleinen Zufluss der Lagune wachsen Stromatolithen. Die Strukturen sehen wie blasse Korallenriffe aus. Heute gibt es sie kaum noch (aber danke nochmal für den Sauerstoff in der Atmosphäre!). Das siebenfarbige Idyll hat sich als großer Badespaß entpuppt. Man geht einen langen Steg entlang, springt dann ins türkisblaue Wasser und lässt sich von der leichten Strömung wieder zum Anfang transportieren. Das wiederholt man bis der Tag rum ist. Uns hat beim ersten Mal ein heftiger Regenguss erwischt. Aber das hat den Spaß nicht geschmälert, schließlich ist es im Wasser immer nass.
Der Ort Bacalar selbst, ist ein verschlafenes Nest mit Blick auf die Lagune. Es gibt erstaunlich viele Restaurants und kleine Läden. Wir sind ein bisschen durch die Straßen geschlendert und haben interessante Graffiti angeguckt, bis wir endlich wieder essen konnten. Als Vorgeschmack auf Oaxaca haben wir uns in einem kleinen Schuppen einräuchern lassen und Tlayudas gegessen, das sind große Maisfladen mit einer etwas chapatiartigen Festigkeit, auf denen Bohnenpaste und Käse ein bisschen Pizza spielen. Avocado darf natürlich nicht fehlen - sehr lecker.
Wir hatten Geschmack an den Vor-Frühstücks-Aktivitäten gefunden, und sind extra früh aufgestanden, um mit einem Kayak in den Sonnenaufgang zu paddeln. Es war herrlich ruhig auf dem Wasser, und dank ganz viel Mückenspray sind wir nicht bei lebendigem Leib gefressen worden.
Während des späten Frühstücks fing es an zu regnen. Aber auf Reisen können Regentage die entspanntesten sein, wenn man von jeglicher Besichtigungspflicht entbunden wird. So haben wir es uns auf dem Steg unter einem Dach gemütlich gemacht, dem Regen zugehört und es uns gutgehen lassen.
Abends gab es in unserem Hotel ein großes Weihnachtsessen, das sich schon beim Frühstück mit fürchterlichen amerikanischen Weihnachtsliedern angekündigt hatte. Leider hatte sich der Koch wohl gedacht, dass Reisende an Heiligabend von starkem Heimweh überfallen würden, und hat ein vollkommen unmexikanisches Menü gezaubert. Es könnte die einzige Mahlzeit in Mexiko ohne Totopos bleiben.
Am nächsten Tag haben wir einfach dasselbe nochmal gemacht und den Tag auf der Lagune gestartet - nur ohne Regen! Es wurde schon wieder Zeit für den Aufbruch, aber wir haben die Abfahrt noch etwas hinausgezögert, um die Lagune etwas länger zu genießen und um unsere Badesachen in der Sonne trocken zu bekommen.
In etwas mehr als zwei Stunden sind wir von Bacalar nach Xpujil gefahren. Wir hatten einen Bungalow in einem Hotel am Ortsrand gebucht. Die kleine Anlage war vollkommen verlassen und der abgestandene Pool war eines Motels würdig, aber wir hatten rechtzeitig eine Email bekommen, welches Zimmer wir nehmen sollten, und dass der Schlüssel steckte. Ohne groß auszupacken sind wir direkt in den Nachbarort (man kann die zwei Straßen eigentlich kaum so nennen) Becan gefahren, um dort noch schnell einen kleinen Maya-Ort zu besichtigen.
Als wir dort ankamen, war das große Tor geschlossen. Da dämmerte uns erst, dass die Anlage an Weihnachten vielleicht geschlossen sein könnte. Netterweise hatte der Parkwächter aber einen Nebeneingang geöffnet und uns reingelassen. Unser Eintritt wanderte als Weihnachtsgeld direkt in seine Hosentasche - wir bekamen sogar Rabatt. Becan ist eine kleine Maya-Stätte, die versteckt im Wald liegt. Wir waren fast alleine dort und konnten uns im Treppenlaufen üben. Von der Haupt-Pyramide hatten wir einen schönen Blick über den Wald. Die anderen Ruinen waren weniger hohe Gebäude und hatten fast keine erhaltenen Verzierungen. Der Wald hat sich in Jahrhunderten über die Steine gelegt und so manche Mauer wurde von Wurzeln gesprengt. Der nette Spaziergang dauerte nicht lange, hat sich aber gelohnt.
Ansonsten kann man rund um Xpujil wirklich überhaupt nichts machen. Wie sich herausstellte war auch im Ort nichts zu machen. Wegen Weihnachten hatten fast alle Geschäfte geschlossen. Die zwei offenen Restaurants, die wir entdeckt hatten, waren um sechs schon geschlossen. Wir hatten schon Sorge, dass wir uns im traurigen Sortiment von OXXO (kann man sich als Tankstellen-Shop ohne Tankstelle vorstellen) ein Abendessen aus Chips und Cola zusammenstellen müssten. Aber auf einer letzten Runde über die staubige Hauptstraße haben wir eine rettende Taqueria entdeckt, die noch offen hatte. Die Tacos al Pastor kosteten weniger als eine Euro pro Stück und waren erstaunlich lecker. Das marinierte Fleisch wurde von einem Döner-Spieß ("Trompo") geschnitten und mit Ananas gereicht. Dazu wurde uns noch mit ein paar Handgriffen eine frische Guacamole gezaubert. Gerettet!
Das triste Xpujil ist nur als Basis für den Ausflug nach Calakmul auf unserer Route gelandet. Um sechs Uhr morgens saßen wir schon wieder im Auto und folgten der schnurgeraden Landstraße durch den Dschungel nach Westen. In der Früh war es noch ziemlich frisch. Dichter Nebel lag über dem Wald und verschluckte regelmäßig unser Auto. Die Maya-Stätte von Calakmul liegt in einem Naturschutzgebiet. Der Abzweig war schnell erreicht. Aber im Park folgten noch 60km bei Tempo 30. Die Strecke dauerte etwas über eine Stunde, was zeigt wie gut die Straße dort war. Der Weg führte durch einen herrlichen, dichten Wald dessen Baumkronen sich über der Straße zu einem Dach schlossen. Kein anderes Auto war unterwegs. Nur hin und wieder haben große, exotische Vögel unseren Weg gekreuzt. Es gab überall Schilder, die vor Jaguaren warnten, aber leider ist keiner aus dem Gebüsch gesprungen.
Calakmul war eine der größten Maya-Städte und beherrschte zeitweise die ganze Region. Im 7. Jahrhundert wurde der Erzfeind Tikal besiegt, das 100km südlich in Guatemala liegt. Wir waren früh vor Ort und sind mit nur einer Handvoll Leute in die ausgedehnte Anlage spaziert. Im Gegensatz zu den touristischen Anlagen von Chichen Itza und Uxmal darf man in Calakmul hoch auf die Pyramiden steigen. Schon die erste Treppe hatte uns die morgendliche Kälte ausgetrieben. Der Ausblick von oben war fantastisch: Bis zum Horizont erstreckte sich ein lückenloser, dichter Wald, aus dem nur die Spitzen der imposanten weiteren zwei Pyramiden herausragen. Tukane schossen in der Ferne über die Wipfel. Die Gegend wird heute von Brüllaffen bewohnt, die in den Baumkronen sitzen, deren gruseliges Geheule irrsinnig laut durch die Wälder schallt.
Die Anlage war so schön im Wald gelegen, dass wir bis zum frühen Nachmittag umher gewandert sind. Wir hatten davon gelesen, dass die Straße wegen Bauarbeiten frühzeitig gesperrt würde, aber das war schon alles erledigt. Das Ergebnis ist ein nagelneuer großes Hotel, das ein paar Kilometer vor Calakmul im Nichts liegt. Das erklärte vielleicht den exzellenten Zustand der Straße. Wir haben dort für ein spätes Mittagessen angehalten bevor wir uns auf den langen Rückweg nach Xpujil gemacht haben.
Campeche liegt an der Nordwestküste von Yucatan. Vom verschlafenen Xpujil aus hat sich der Weg ganz schön gezogen. Der erste Teil ging auf einer Straße ohne Kurven durch den Dschungel ohne nennenswerte menschliche Spuren. Nach dem Abzweig nach Norden kamen wir durch mehr landwirtschaftliche Flächen, was zwar weniger eintönig aber viel langweiliger war.
Campeche ist für seine Altstadt berühmt. Eine dicke Schutzmauer (gegen Piraten) umgibt ein kleines Straßenraster gesäumt von schmucken, bunten Häusern aus dem 17. Jahrhundert. Wir waren völlig begeistert von unserem Apartment in einem dieser alten Häuschen, das unglaublich geschmackvoll eingerichtet war.
Wir haben einen ausgiebigen Spaziergang durch die Altstadt gemacht und sind dabei vermutlich jede Straße zweimal abgelaufen. Campeche könnte auch einen Preis für die höchsten Bürgersteige bekommen. Manche Straßenkreuzungen sehen aus wie Kaimauern und es braucht mehrere Stufen, um runter auf die Straße zu kommen. Zwischen die Häuser, die bunt wie Süßigkeiten aufgereiht sind, mischen sich dicke, kleine Kirchen - für ein Gebet muss keiner mehr als zwei Blocks laufen. Passend zu den patinierten Häuschen dösen auch noch ein paar rostige VW Käfer, die hier Vocho genannt werden, auf den Straßen.
Von der Stadtmauer aus hat man einen netten Blick von oben. Die bunten Häuser und die dicke Mauer haben uns immer wieder an Cartagena in Kolumbien erinnert, auch wenn Campeche deutlich beschaulicher war. Vor der Mauer liegt der Malecón, die Uferpromenade. Dort kann man in der Sonne herumsitzen und den Pelikanen zusehen. Am Abend sind wir in ein Wasserspiel geraten, mit bunt angestrahlten Fontänen und Musik. Nach der Einstimmung mit Vivaldi ging es mit der musikalischen Untermalung steil bergab.
Als wir nach Hause zurückgekehrt sind, war unsere Straße in eine Partymeile verwandelt. Der Trompeter vor der Tür war dabei das kleinste Übel. An Schlaf war in unserer schönen Wohnung leider nicht zu denken.
Den Weg nach Mérida haben wir für einen Besuch in Uxmal genutzt. Das ist eine weitere berühmte Maya-Stadt auf der Yucatan-Halbinsel. Das Erlebnis war komplett anders als in Calakmul. Durch die Nähe der Millionenstadt Mérida gibt es sehr viel mehr Besucher. Wir hatten einen der letzten Parkplätze ergattert und mussten dreimal Schlange stehen bevor wir in den Park konnten.
Die Anlage ist weitestgehend freigelegt und steckt nicht noch halb im Dschungel. Dafür haben die erhaltenen Gebäude beeindruckende Verzierungen, insbesondere gigantische Friese, die mehrere Meter hoch über die ganze Länge der (ziemlich langen) Bauten laufen. Sie zeigen symmetrische Muster gemischt mit Abbildungen von Personen, Vögeln und Schlangen. Die Friese bestehen aus unendlich vielen kleinen Steinquadern, die unterschiedlich tief eingesetzt wurden, was einen sehr plastischen Eindruck erzeugt. Leider ist von den ursprünglichen Farben nichts mehr zu sehen. Zu den interessanten Besonderheiten gehört auch eine Pyramide mit abgerundeten Kanten.
Auf der Weiterfahrt haben wir noch einen Umweg zur kleinen Cenote X‘batun gemacht. Die Anfahrt führte durch eine fast verlassene Gegend ohne viele Schilder. Dann tauchte ein Kassenhäuschen und jede Menge andere Autos auf, und der Badespaß konnte beginnen. Im frischen Wasser hat die Abkühlung nicht lang gebraucht. Ein Teil des Tümpels war mit Seerosen bedeckt, der andere mit kreischenden Locals. Rund um die hohen Steinwände des Lochs standen Bäume, die ihre Wurzeln bis hinunter ins Wasser wachsen ließen.
In Merida haben wir in einem kleinen Hotel in einer ruhigen Straße in der Nähe der Altstadt eingecheckt. Auf den ersten Blick gab es keine Partylokale in der Nachbarschaft, was uns auf eine ruhige Nacht hoffen ließ. Der alte Stadtkern ist ähnlich wie Campeche mit vielen einstöckigen Häusern in bunten Farben bebaut. Aber alles wirkte hier größer und weitläufiger. Ein paar Blocks weiter tauchten die ersten Restaurants und Bars in schön renovierten Häusern auf. Die Straßen rund um den Zócalo - den Hauptplatz - waren sehr wuselig und voller Touristenläden. Überall gab es kleine Souvenirlädchen und viel zu essen. Der Zócalo war noch voll in Weihnachtsstimmung. Vor Rentieren wurde posiert, in einer anderen Ecke zu Musik getanzt und alles blinkte und leuchtete.
Eine Straße weiter fing schon das echte Leben an, mit vielen einfachen Alltagsläden und Menschen, die auf den Bus nach Hause warteten. Parallel dazu läuft die Calle 60, wo in jedem Block ein schöner kleiner Park ist und in jedem Haus ein Restaurant Touristen empfängt.
Den folgenden Tag haben wir ganz entspannt in Merida verbracht. Wir haben ausgedehnte Spaziergänge durch die Altstadt gemacht und uns regelmäßig mit Kaffee gestärkt. Merida hat einen sehr groß und prächtig angelegten Boulevard, mit übertriebenen, neoklassizistischen Villen. Heutzutage ist die Prachtstraße aber recht unbelebt.
In den Seitenstraßen gibt es vereinzelte kleine Läden und Cafés. Eine davon hat sich in eine moderne Gastro-Meile verwandelt, wo ein aufwendig gemachter Laden neben dem anderen ist. In einem kleinen Eckbistro haben wir uns mit köstlich frischen Austern und einer unglaublichen Aguachile Tostada verwöhnt. Den Rest des Tages haben wir vertrödelt und versucht unser ganzes Gepäck wieder flugtauglich zu machen.
Wir mussten früh raus für unseren Flug nach Ciudad de Mexico, kurz CDMX. Der wuselige Hauptstadtflughafen hatte uns erstaunlich schnell samt Gepäck wieder ausgespuckt und schon saßen wir im Taxi nach Roma Norte. In diesem trendigen Bezirk hatten wir ein schönes, kleines Apartment für die nächsten Tage. Gegen das angenehm warme Klima Yucatans war Mexico City ein Temperaturschock: Am morgen unter 10°, fast wie zuhause! Wir hatten einen der kälteren Tage erwischt. Der winzige Heizlüfter in unserer Wohnung stand vor einer riesigen Aufgabe.
Es hat uns nicht lange drinnen gehalten, wir wollten die Umgebung erkunden. Roma Norte hat uns mit seinen charmant gealterten Stadthäusern und lebendigen Straßen direkt an Porto erinnert. Viele Straßen sind von hohen Bäumen gesäumt, die an heißeren Tagen sicher willkommenen Schatten spenden. In dem Viertel sind unglaublich viele schöne Läden, von Second-Hand-Boutiquen über Sterne-Restaurants, nachhaltigen Deko-Läden, regionalen Lebensmitteln zu alt eingesessenen Taco-Shops.
Die internationale Hipster-Crowd trifft sich mit ihren zahlreichen Hunden beim nächsten stylischen Café. Denn hier hat jeder einen Hund. Hunde-Sitter liefen mit einem ganzen Rudel herum und die Hunde-Narren hatten ihre Lieblinge im Restaurant auf dem Schoß und teilten sich mit ihnen das Essen (leider keine Übertreibung). Hundehasser erkennt man daran, dass sie nur einen Hund haben. Beim Flanieren sollte man besser ein Auge auf dem Trottoir lassen.
Wir haben ziemlich lange bei einem berühmten Taco-Restaurant angestanden, um unsere tägliche Dosis zu bekommen. Gleich drei dicke Trompos mit unterschiedlich mariniertem Fleisch brutzelten in der kleinen, offenen Küche. Tacos kommen meistens mit einem ganzen Sortiment an Toppings wie Chili-Soßen, Guacamole, Limetten oder Zwiebeln. Das gibt die nötige Frische. Die Speisekarten waren etwas verwirrend, weil es es zig verschiedene Namen für Gerichte gibt, die ein Laie alle als Taco bezeichnen würde. Aber man kann eigentlich nichts falsch machen, lecker sind sie alle.
Am Abend haben wir uns zu einer sehr wichtigen kulturellen Veranstaltung in die Arena Mexico begeben: Lucha Libre, die mexikanisch-karnevalistische Version von Wrestling. Schon draußen auf der Straße konnte man an vollgepackten Ständen Masken kaufen. Denn die Luchadores (Kämpfer) beim Lucha Libre sind normalerweise maskiert und maskiert lässt es sich auch im Publikum besser mitfiebern. Unter großem Applaus tänzelte der erste Luchador mit Maske, Umhang und buntem Kostüm in den Ring. Es kämpfen meistens vier gegen vier, teilweise ist der Ring noch voller. Die wild aussehenden Helden ziehen eine verrückte, akrobatische Show ab. Sie springen von den Ring-Seilen auf Kontrahenten, die sich gerade auf dem Boden winden, oder einer schleudert den anderen an den Füßen aus dem Ring. Man versteht wirklich nicht, wie sie das heil überstehen. Das Publikum johlt und fiebert kräftig mit obwohl alles Show ist und die Sieger schon feststehen. Denn nach vielen Runden gewinnen eigentlich immer die guten Charaktere (Tecnicos) mit ihren sauberen Tricks gegen die bösen (Rudos), die es mit unfairen Mitteln versuchen und die armen guten Helden noch am Boden liegend mit Tritten malträtieren. Das Publikum pfeift und buht dann wie wild, bis die Guten sich berappeln und das Ruder in letzter Sekunde mit einem spektakulären Angriff herumreißen. Die ganze Sache ist wirklich völlig irre.
Am Silvestertag haben wir uns in Ruhe durch unser Viertel Roma Norte und am beeindruckend angelegten Paseo de la Reforma entlang treiben lassen. Leider haben wir es trotz vieler Versuche nicht geschafft, die dämliche App für die Leihfahrräder zu aktivieren. Daher mussten wir laufen und feststellen, dass dieser Boulevard wirklich richtig lang ist. Auch der angrenzende Parque de Chapultepec ist recht weitläufig, beherbergt aber einige Museen. Wegen Silvester hatten die aber leider früher geschlossen. Ab Mittag wurden auch die Temperaturen immer angenehmer, so dass wir den Spaziergang durch den Park genießen konnten.
Im angrenzenden Viertel Polanco gibt es eine Luxusstraße, wo man ganz gut mit seinem Ferrari durchbrettern kann, wenn man fürs Wochenende noch schnell was Hübsches von Dior braucht. Es gibt auch einige schicke Shopping Malls, aber wer braucht das im Urlaub? Interessanter sind zwei berühmte Museen in der Gegend. Das Museo Soumaya ist in einem beeindruckenden Gebäude untergebracht, dessen Fassade aus Tausenden glänzenden Sechsecken den amorphen Klotz bedeckt. Direkt gegenüber steht das Museo Jumex, das außen unaufregend dafür innen interessanter ist. Beide sind von sehr reichen Industriellen gestiftet. Leider waren auch beide schon zu als wir kamen.
Den Abend haben wir im kleinen Restaurante Pargot verbracht und das Jahr mit einem köstlichen Essen ausklingen lassen. Die Kellner waren zwar in Vorfreude auf den Jahreswechsel schon frühzeitig in fragwürdiger Verfassung, aber der Koch war offensichtlich ganz bei der Sache. Denn die gehackten Muscheln mit Melonensorbet und einer milden Chilisoße waren unglaublich köstlich.
Wir hatten uns etwas zu viel Zeit beim Schlemmen gelassen. Deshalb hat uns der Jahreswechsel eilend auf einer einsamen Straße auf dem Weg zum Angel de la Independencia erwischt. Am Fuß der Säule mit dem goldenen Engel war alles für eine riesige Silvesterparty abgesperrt. Weil an die 200.000 Menschen erwartet wurden, gab es aus Sicherheitsgründen kein Feuerwerk - smart, diese Mexikaner. Stattdessen gab es eine ziemlich irre Techno-Party. Auf Podesten tanzten Drag-Queens und die Musikerin ist gegen Ende derart an ihren Geräten ausgerastet, dass sie hoffentlich schnell wieder in ihre Anstalt gebracht wurde. Feliz Año Nuevo!
Das Neue Jahr haben wir natürlich mit extra langem Ausschlafen begonnen. Das haben wahrscheinlich alle gemacht, denn es war gar nicht so einfach in der Gegend ein Café zu finden, das offen hatte. Mit leckeren Chilaquiles hat uns das sympathische Café EMMA gut in den Tag geschickt.
Wir sind die Altstadt gefahren, um einige Sehenswürdigkeiten nachzuholen. Der riesige Zocalo war ziemlich zugebaut, da es dort auch eine große Silvester-Veranstaltung gab. Auf einer Seite liegt die gewaltige Kathedrale, auf der anderen der prächtige Regierungssitz im Palacio Nacional. Letzterer war leider wegen Neujahr geschlossen, so dass wir die berühmten Wandgemälde im Treppenhaus nicht sehen konnten. Daneben liegt der Templo Mayor, die Ruinen des zentralen Palasts des Aztekenreichs. Die Ruinen selbst sind nicht viel spannender als die römischen Ruinen im Parkhaus am Kölner Dom. Aber es unterstreicht die Bedeutung dieses Orts als traditionelles Machtzentrum Mexikos, wo Azteken, Kirche und Staat denselben Ort beanspruchen. Vom alten Palast ist so wenig übrig, weil aus dessen Steinen die Kathedrale gebaut wurde.
Vom Zocalo führt eine in die Jahre gekommene Einkaufsstraße zum Torre Latinoamericana, ein ikonisches aber ziemlich räudiges altes Hochhaus - immerhin hat es eine große Uhr. Der benachbarte Palacio des Bellas Artes hingegen ist ein toller Prachtbau in einem Mix aus Jugendstil, Neoklassik und Art Deco, der es mit der Pariser Oper aufnehmen kann.
Zurück in Roma haben wir uns in einem genialen Taco-Laden bis auf die Knochen einräuchern lassen. Aber das war es wert.
Für diesen Tagestrip mussten wir richtig fies früh aufstehen. Der Wecker ging um 3:30 Uhr, weil wir noch mitten in der Nacht beim Treffpunkt am Reforma sein mussten. Der Uber-Fahrer wusste schon Bescheid: Wer um die Uhrzeit zum Angel fährt, der will nach Teotihuacan. Ein bis zwei Stunden Fahrt vom Zentrum entfernt liegt eine große und sehr alte Pyramiden-Stadt. Für das ungeschulte Auge sieht das nach Maya aus. Aber die waren nicht so weit nördlich. Außerdem ist die Stadt älter als die großen Maya-Städte in Yucatan. Die Azteken kamen auch erst hunderte Jahre später und haben nur die Ruinen vorgefunden.
Wir kamen noch später, und zwar durch die Luft. Aus irgendeinem Grund hat sich das kleine Örtchen San Marco nebenan zu einem Ballonfahrt-Zentrum entwickelt. Jeden Morgen starten hunderte Heißluftballons und fliegen über den Pyramiden in den Sonnenaufgang. Dabei sind die anderen Ballons das eigentliche Spektakel. Überall auf den Feldern richteten sich langsam die großen Ballons auf und leuchteten von den Feuerstößen bunt auf. Wie knubbelige Pilzfamilien drängten sie sich aneinander bis sie einer nach dem anderen sanft abhoben und sich am Himmel verteilten. Wetter und Windrichtung haben perfekt gepasst und wir haben in einer halben Stunde eine halbe Million Fotos geschossen. Aus der Luft hätte man in der Ferne eigentlich Mexico City sehen müssen, aber das blieb hinter einem gelblichen Smog-Schleier verborgen. Das war ein ganz anderes Erlebnis als im Moon Valley in Namibia, wo wir vor Jahren schon mal einen einsamen Flug über der Wüste gemacht haben, aber auch wirklich toll.
Leider mussten wir als Teil der Tour noch einen Besuch in einem Laden über uns ergehen lassen, der aus schönen Steinen sehr hässliche Dekoration herstellte. Aber dann wurden wir endlich im Archäologischen Park abgesetzt und wir konnten die Pyramiden auch zu Fuß besichtigen. Die Anlage ist entlang einer langen Achse gebaut, die wie ein Boulevard wirkt. Vor Kopf steht die große Mondpyramide, von der aus wir auf die noch größere Sonnenpyramide gucken konnten. Letztere ist wirklich ein massives Bauwerk, das vor allem durch Größe und Symmetrie beeindruckt.
Am Nachmittag wurden wir in der Stadt wieder ausgespuckt. Dank des langen Rückwegs durch den Stau hatten wir uns genug erholt, um das Museo Jumex in Polanco erneut in Angriff zu nehmen, da es endlich wieder geöffnet hatte. Das hat sich extrem gelohnt, denn die große Ausstellung von Gabriel de la Mora war fantastisch. Der Künstler ist ein Graf Zahl mit Pinzette. Er macht große Bilder aus zerkleinerten Eierschalen, Schmetterlingsflügeln oder Glassplittern, jeweils mit exakter Mengenangabe - genau die richtige Mischung aus Ästhetik und Wahnsinn.
Den Abend haben wir im schönen Viertel Condesa verbracht. Das ist etwas gediegener als Roma, auch wenn es genauso lebendig und ähnlich patiniert ist. Die wunderbare Avenida Amsterdam ist eine ovale Ringstraße, die mit einer Fußgänger-Allee in der Mitte um den Parque Mexico verläuft. Vor hundert Jahren war das mal eine Pferderennbahn, daher die ungewöhnliche Form. Heute ist es ein tolles Wohnviertel mit vielen Cafés und Restaurants. Im Restaurant Plonk haben wir mit einem köstlichen Abendessen Abschied von CDMX genommen.
Den nächsten Teil der Reise haben wir wieder mit einem Mietwagen gemacht. Gottseidank war die Abholstation nicht an einer dieser Straßen mit hundert Spuren. Wir mussten „nur“ aus Mexico City rausfahren. Aber das hat ziemlich lange gedauert und die stark befahrene Ausfallstraße hatte einen gewissen Thrill. Wir sind nach Puebla gefahren, das zwei Stunden südöstlich hinter den hohen Bergen Popocatepetl und Iztaccihuatl liegt. Erst als wir in deutlich höhere Lagen kamen, ließ der gelbliche Smog nach. Stattdessen sahen wir geerntete Maisfelder, auf denen zusammengebundene Strohbündel standen, und Wälder mit flachen Nadelhölzern. Als es bergab Richtung Puebla ging, das mehr als 2100m hoch liegt, war es mit der guten Luft schnell wieder vorbei. Die ständigen Mautstationen greifen den Autofahrern erstaunlich tief in die Tasche. Dafür konnten wir einen guten Teil des Wegs in die Stadt hinein auf einer Hochtrasse fahren. Es blieb aber noch genug Strecke im dichten Stadtverkehr für ein paar Schweißausbrüche.
Wir hatten ein Zimmer in einem kleinen Hotel am Rande der Altstadt. Als wir Gepäck und Auto losgeworden waren, sind wir direkt losgelaufen. Ein paar Blocks weiter gab es einen netten Flohmarkt, mit einer bunten Mischung aus echtem Trödel und „Kunsthandwerk“. Auf dem Weg zum Zocalo sind wir durch weitere nette Marktgassen gekommen. Tagsüber war es auch hier angenehm warm und wir konnten entspannt bummeln.
Der Zocalo war kaum von dem in Merida zu unterscheiden. Nur die Kathedrale von Puebla ist größer und schöner. Hinter dem Steinportal ist der Bau außen dunkelrot angestrichen und innen aufwendig bemalt und vergoldet. Auf dem Platz hat ein Schuhputzer mit scharfem Auge meine strapazierten Sneaker ausgemacht und mich zu einer Reinigung überredet. Mit Grausen musste ich zuschauen, wie er alles mit einer Kürbisseife eingepinselt hat. Aber nach vielen Durchgängen hat es tatsächlich zu einer Art Wiedergeburt der Schuhe geführt. Die Farben waren zwar etwas anders als vorher, aber alles in allem sahen sie brandneu aus.
In der Umgebung war eine total vollgestopfte Einkaufspassage, auf der scheinbar ganz Puebla unterwegs war. Die Masse schob sich vom Zocalo bis zu einer Markthalle. Viele liefen mit Geschenken herum, was wohl am Dreikönigstag lag, der hier groß gefeiert wird. Es gab lange Schlangen, damit sich Familien mit kostümierten heiligen Königen fotografieren lassen konnten. Nebenan lag noch eine kleinere Kirche, die eine komplett in Gold ausgekleidete Seitenkapelle. Man fragt sich, was die Leute angestellt haben müssen, wenn soviel Glanz nötig war.
Später wurden einige Straßen gesperrt, weil es noch einen Umzug gab. Die erste Gruppe waren allerdings nicht die Könige sondern eine Protestgruppe mit venezolanischen Fahnen. Mexiko solidarisiert sich gerne mit den Entrechteten, man sieht auch überall Palästina-Fahnen und politisierte Wassermelonen. Zu dem Umzug sollte es auch noch eine Drohnen-Show geben, aber die haben wir verpasst.
Den Stopp in Puebla hatten wir geplant, um einen Ausflug zum Popocatepetl zu machen. Wir waren früh auf den Beinen und abfahrbereit, mussten dann aber feststellen, dass unser Parkhaus nicht 24 Stunden geöffnet hatte. Mit etwas Verzögerung sind wir dann losgefahren. Der Weg führte durch das beschauliche Cholula, in dem es auch viele Unterkünfte gibt, in ein staubiges Hinterland. Der mächtige Vulkan tauchte am Horizont auf, wollte aber nicht größer werden. Die Fahrt hat sich gezogen. Interessanterweise war die schlechte, kleine Landstraße voller Rennradfahrer, die sich tapfer die Hügel hochgekämpft haben.
Irgendwann löste sich die asphaltierte Straße auf und unser Auto musste eine Menge Sand schlucken. Obwohl gute Teile der Straße instandgesetzt wurde, waren die letzten Kilometer zum Paso de Cortes ein abenteuerlicher Steinbruch. Auf dem Pass, der zwischen den Gipfeln von Popocatepetl und Iztaccihuatl liegt, war extrem viel los. Anscheinend ist es eine beliebte Sonntagsbeschäftigung, mit dem Motorrad heraufzufahren. Quasi die Eifel von CDMX.
Während der Popo wegen latenter vulkanischer Aktivität gesperrt ist, gibt es auf dem (eigentlich „der“) Izta viele Wandermöglichkeiten. Man könnte noch weiter hoch zur Hütte La Joya fahren. Aber diesen Teil kann man auch sehr schön zu Fuß gehen. Der Pfad führte uns durch lichte Nadelwälder und anschließend über verbrannte Wiesen. Man ist schon um die 4000m hoch, dementsprechend kamen wir nicht sehr schnell voran. Wir hatten erstaunlich gutes Wetter und waren teilweise nur im T-Shirt unterwegs - bedauerlich, dass wir die ganzen mitgeschleppten Klamotten für eine Arktis-Expedition nicht gebraucht haben. Aber sobald es windig und schattig wurde, mussten wir uns immerhin wieder eine Jacke überziehen. Immer wieder hatten wir tolle Blicke auf die beiden sehr unterschiedlichen Berggipfel. Nach vier Stunden waren wir wieder am Auto.
Zurück in Puebla sind wir ein Verkehrschaos geraten, weil in der Altstadt rund um unser Parkhaus herum viele Straßen von der Polizei gesperrt waren. Weder unser Spanisch noch unsere Fantasie haben ausgereicht um zu begreifen, dass die Straßen für einen Rekord im längsten Kuchen der Welt gesperrt wurden. Anscheinend auch eine Dreikönigs-Aktivität. Nach einigen mäandrierenden Mänövern konnten wir einen Polizisten überreden uns in unser Parkhaus zu lassen. Gerade rechtzeitig um noch ein paar leckere Shrimp Tacos und Ceviche gegenüber zu bekommen und früh ins Bett zu fallen.
Die Strecke von Puebla nach Oaxaca war sehr lang und sehr mexikanisch. An die sechs Stunden dauerte die Fahrt. Aber die Landschaft war genau so, wie wir uns Mexiko vorgestellt haben: Karg, hügelig, kreisende Geier und Kakteen bis zum Horizont. Wir haben einen kleinen Umweg zum Jardin Botanico Helia Bravo Hollis gemacht. Der Park mit dem knackigen Namen ist bestens geeignet, um Kakteen aus der Nähe zu bestaunen. Es gab unter den zahlreichen Arten 15 Meter hohe Kakteen-Giganten und auch (irgendwie überraschend) geisterhafte Kakteen-Skelette aus Holz, die übrig bleiben, wenn ein Kaktus mal stirbt.
Zwischenzeitlich war die Strecke sehr unberührt. Es gab zwar noch viel Verkehr, aber so gut wie keine Bebauung mehr. Die Straße führte durch ein wildes Niemandsland. Es war fast schön durch diese stachelige Einöde zu fahren, wenn es nicht so lange gedauert hätte (und einfach keine Tankstelle kommen wollte).
Wir haben Oaxaca am späten Nachmittag erreicht. Unser Hotel Casa Ziña lag nur zwei Blocks vom Zocalo entfernt an einer ziemlich viel befahrenen, engen Straße. Das kleine Hotel war sehr hübsch gemacht und passte damit gar nicht so richtig in die laute, wuselige Gegend. Gegenüber stand ein kleiner Wagen, der frische Waffeln (Marquesitas) verkaufte, an der Ecke gab es Tluyadas und um die Ecke einen ganzen Block lang Straßenstände, die aufgestapeltes Fleisch präsentierten und Rauchschwaden in den Himmel schickten. Unser Auto haben wir bei einem Parkplatz nebenan abgegeben. Etwas ungewohnt war, dass wir den Schlüssel da lassen mussten. Um das Meiste aus der Fläche rauszuholen, spielen die Parkwächter Sokoban: Sie stellen die Autos in drei Reihen und müssen ständig mehrere umparken, wenn jemand raus will.
Für einen richtigen Spaziergang waren wir schon zu müde. Ein kurzer Blick auf den Zocalo hat uns zweifeln lassen, ob wir vielleicht im Kreis gefahren und wieder in Puebla (oder Merida?) waren. Dann hat uns ein Taco-Schuppen an der nächsten Ecke magisch angezogen. Mehr brauchten wir an dem Abend nicht, um zufrieden ins Bett zu fallen.
Oaxaca hat eine hübsche Altstadt mit flachen, bunten Häusern, die nette Cafés und Restaurants beherbergen. Man kann nicht sagen, dass es groß anders aussähe als in Puebla oder Merida, aber wir fanden es doch ein bisschen charmanter. Das mag an dem guten Start in den Tag mit einem leckeren Frühstück auf der Dachterrasse des Amá Terraza gelegen haben. Man kann schön durch die Straßen schlendern, es gibt sehr viele hübsche Lädchen, Lokale und Galerien von ansäßigen Künstlern, die am laufenden Meter Linolschnitte von Totenköpfen produzieren.
Wir sind schnell im jüngeren Viertel Jalatlaco gelandet, wo es jede Menge Graffiti und Paste-Ups der Linoldrucke an den Wänden gibt. Viele Straßen sind äußerst fotogen mit Papel Picado geschmückt – bunten Papiergirlanden, die als große runde Fächer effektvoll zwischen Häusern aufgespannt werden. Man kann wunderbar einen Tag in der sympathischen Stadt verbummeln. Es wurde erstaunlich heiß am Nachmittag, so dass wir sogar kurz in den Pool auf dem Dach unseres Hotels gesprungen sind, der uns am vorigen Abend noch ziemlich deplatziert vorkam.
In der Nähe von Oaxaca liegt der Hierve el Agua - ein „versteinerter Wasserfall“. Besonders viel Wasser fließt dort gar nicht. Aber es kommt sehr kalkhaltig aus einer unterirdischen Quelle gesprudelt und hat eine überlaufende Struktur aus Travertin gebildet, die wie eine riesige heruntergetropfte Kerze – oder halt ein versteinerter Wasserfall – aussieht.
Oben gibt es (teils) natürliche Pools mit interessanten Kalkformationen und grünlichem Wasser. Der Name des Orts bedeutet, dass Wasser gekocht wird. Die Temperatur ist damit sicher nicht gemeint, denn die lag eher zwischen erfrischend und eisig. Trotzdem ist die Attraktion ein Badespaß. Wenn man sich einmal überwunden hat, ins Wasser zu steigen, kann man tolle Fotos machen, als würde man in grüner Säure baden. Zum Aufwärmen sind wir noch einem kleinen Weg gefolgt, von dem aus man die ungewöhnlichen Strukturen gut von der Seite sehen konnte.
Zurück in Oaxaca haben wir im Origen, einem der zahllosen schönen Restaurants in der Altstadt, sehr lecker gegessen. Besonders der Nachtisch, ein Mais-Pudding mit Kokoseis und Anis, war eine Offenbarung!
Puerto Escondido ist ein beliebter Strandort südlich von Oaxaca an der Pazifikküste. So beliebt, dass erst vor kurzem eine ganz neue Straße dorthin gebaut wurde. Dadurch kommt man in unter drei Stunden ans Meer. Über die alte Straße waren es wohl eher sieben Stunden. Den Zeitgewinn lässt man sich allerdings fürstlich bezahlen. Die Maut für eine Strecke beträgt unglaubliche 25 Euro. Bei dem Preis haben wir uns gewundert, dass überhaupt noch andere Autos auf der Strecke fuhren. Anscheinend war man beim Bau aber etwas zu schnell. Denn die neue Straße versank an einigen Stellen schon wieder unter erodierten Hängen.
Dadurch konnten wir noch den Nachmittag am Meer verbringen. Unser Hotel lag in Punta Zicatela am Südende des kilometerlangen Strands. Die eigentliche Stadt war am anderen Ende der Bucht. Das Meer war herrlich zum Baden, warm aber mit starken Wellen. Zu anderen Jahreszeiten, wenn Surf-Saison ist, müssen die Wellen wohl richtig groß werden. Richtig charmant war der Ort aber nicht, das Hinterland war voller Baustellen (oder Bauruinen) und überall waren kleine Lokale, die die ganze Gegend beschallen wollten.
Am späten Nachmittag hat sich der breite Strand immer mehr gefüllt, denn niemand wollte den Sonnenuntergang verpassen. Und der war wirklich filmreif. Kein Wölkchen, kein Dunst trübte die Sicht und wir konnten verfolgen, wie die Sonne dick und birnenförmig genau gegenüber im Pazifik versank. Das war schon toll. Danach hat sich die Hauptstraße von Punta aber schnell in eine schwer erträgliche, kleine Khao San Road verwandelt. Wir wohnten gerade weit genug davon weg, um noch ruhig schlafen zu können.
Obwohl der Ort abends zur Party Zone mutierte, konnte wir es tagsüber am Strand gut aushalten. Der war so groß, dass wir auch am nächsten Tag ein ruhiges Plätzchen fanden und die Hitze und das herrliche Meer genießen konnten. Abends haben wir Alis Geburtstag im hübschen Atarraya gefeiert.
Etwa eine Stunde Fahrt die Küste entlang liegt Mazunte. Der Strand ist zwar viel kleiner, aber dafür ist der kleine Ort sehr entspannt und sympathisch. Die meisten Häuser sind mit Stroh gedeckt und alles hat einen etwas alternativen, langsamen Hippie-Touch. Wir haben zwei Tage gemütlich am Strand verbracht. Als wir abends nach Puerto Escondido zurückfahren mussten, haben wir uns ein bisschen geärgert, dass wir uns nicht für ein Hotel in Mazunte entschieden hatten.
Vom Pazifik in die Karibik zu wechseln braucht ein paar Schritte. Wir waren am Vorabend schon von Puerto Escondido zurück nach Oaxaca gefahren. Dort hatten wir ein etwas abenteuerliches mexikanisches Abendessen mit gefüllten Tortillas, die von hauchdünner Schweinehaut umwickelt waren, dazu eigenartige dicke Moles mit mehr Geschmäckern als wir erraten konnten (Kategorie „interessant“). Morgens haben wir das Auto beim Flughafen abgegeben und sind nach Cancun geflogen. Von dort haben wir ein Minibus-Shuttle nach Chiquilá an der Nordküste Yucatans genommen. Das kleine Nest hat einen Steg, von dem Fähren zur Isla Holbox losfahren.
Als wir nach einer halbstündigen Überfahrt auf Holbox angekommen sind, war es schon dunkel. Es gibt auf der Insel nur Sandstraßen. Der feine Sand entwickelt schnell Löcher, Rillen und irre große Pfützen. Daher gibt es keine normalen Autos sondern nur offene 4WD-Ungetüme. So eins hat uns zum Hotel Blue gemacht, das sehr schön etwas außerhalb des Orts am Strand gelegen ist.
Wir hatten es wirklich gut auf Holbox. Unser Bungalow lag in einem toll gepflegten Garten und hatte ein großes Bett unter einem ordentlich Moskitonetz. Es gab sehr gemütliche Hängematten am Strand und wir haben die paar Tage mal nichts gemacht außer dösen und lesen. Das Meer sah wahnsinnig schön aus. Der Strand war sehr flach und gab dem Wasser einen hellblauen Schimmer, der bis weit hinaus ging. Gegenüber dem Pazifik war das Wasser erstaunlich frisch. Auch die Luft war nicht so heiß, so dass wir es recht lang ohne Abkühlung in unseren Hängematten ausgehalten haben.
Man kann eigentlich den ganzen (zugänglichen) Teil der Insel gut zu Fuß erkunden. Aber unsere Ecke war die schönste! Einen Tag lang war es extrem windig. Wir hatten noch gescherzt, dass das Meer hier weniger Wellen als ein See hätte. Aber das hat sich mit Wind schnell geändert. Als hätte es dreimal hintereinander Flut gegeben, war zuerst der ganze Strand überflutet und danach auch die erste Reihe der Restaurants und Hotels am Strand. In der Nacht war der Spuk vorbei und am nächsten Morgen gab es wieder Strand – und Sargassum. Die Alge vermehrt sich in Yucatan irrsinnig schnell und verdirbt vielen Urlaubern den Spaß am Strand. Bei uns wurde täglich geharkt und geschaufelt, damit der weiße Strand nicht braun wurde. Aber das ist eine Sisyphos-Arbeit. Je nach Wetterlage und wie tief die Ebbe steht, ist am nächsten Tag wieder alles voll.
Der Fußweg in den Ort dauerte nur eine Viertelstunde. Dort gab es einige laute Sträßchen mit Bars, Pizzerien und Burger-Läden. Aber drum herum gab es auch viele schöne Lokale, so dass uns für ein paar Tage nicht langweilig wurde. Unseren letzten Abend haben wir natürlich in einem Taco-Schuppen verbracht.
Vier Wochen Mexiko, vier Wochen Tacos. Schön war’s!